Restart in Fairbanks – Teil 2

Es war mittlerweile schon fast 9:00 Uhr und die kalte, dunkle Nacht war einem grauen, nicht weniger kalten Tag gewichen. Es sah nicht so aus, als hätten wir große Chancen darauf heute die Sonne zu Gesicht zu bekommen. Zwei Männer des ITC (Iditarod Trail Committee) hatten den Auftrag die Schlitten mit GPS-Trackern auszustatten. Lisbet und Kari waren ihnen behilflich, als Lisbets Schlitten an der Reihe war. Wir anderen luden die Hunde nochmals aus, wobei ein Vet-Check-Team die Gelegenheit nutzte, um die Hundemarken und die Mikrochips zu überprüfen. Da Lisbet beschäftigt war, führte ich die beiden Frauen vom Vet-Check-Team herum. Wir gingen von Hund zu Hund und ich nannte ihnen die Namen der Hunde sowie die Nummern auf der Hundemarke, während sie die Mikrochips auslasen. Lisbets Team ließ diese Prozedur gelassen über sich ergehen. Goofy versuchte ein paar Küsse zu verteilen, Victor sah darin eine Chance ein paar Streicheleinheiten zu erhaschen und Ravni ließ sich davon überzeugen, dass nichts Schlimmes passieren würde. Ich musste noch zwei Hundemarken austauschen. Das Vet-Check-Team passte die Nummern in ihren Notizen an und wünschte Lisbet alles Gute. Wir luden die Hunde wieder in ihre Boxen. Anschließend nahmen Sarah und ich uns des Leinengewirrs an. Die kleinen Karabiner mussten noch an den Neck-Lines befestigt werden und die Neck-Lines an der Gang-Line. Das war schnell geschehen.

Die GPS-Tracker werden an Lisbets Schlitten befestigt

Die GPS-Tracker werden an Lisbets Schlitten befestigt

An diesem Punkt gab es nicht mehr wirklich viel für mich zu tun. Den Schlitten musste Lisbet alleine packen. Es ist wichtig, dass die Musher genau wissen, was sie wohin gepackt haben. Der Schlafentzug, dem die Musher nach kurzer Zeit auf dem Trail ausgesetzt sind, erschwert jede funktionale Handlung und lässt sich am Besten durch eine gut organisierte, sich immer wiederholende Vorgehensweise kompensieren, die sogenannte Check-Point-Routine. Vor allem bei den Mushern, die die vorderen Plätze belegen, lässt sich ein routinierter Handlungsablauf beobachten, sobald sie ihre Teams parken. Jeder Gang vom Schlitten zu den Leadern und zurück erfüllt einen bestimmten Zweck. Dies macht sie sehr effizient und spart ihnen viel Zeit. Ein Teil dieser Routine beinhaltet, das der Schlitten immer auf die gleiche Art und Weise gepackt ist. Jeder noch so kleine Gegenstand hat seinen bestimmten Platz im Schlitten. Keiner möchte seine Zeit mit Suchen verschwenden. Der diesjährige Iditarod Champion, Dallas Seavy, ist das beste Beispiel für diese Art von Effizienz. Selbst durch Medieninterviews lässt er sich nicht von seinem Konzept abbringen.

 

Jessie Royer hatte Startnummer drei, was bedeutete, dass sie als zweite starten würde, also um 10:02 Uhr. Ich wollte ihr unbedingt noch alles Gute wünschen. Letztes Jahr schaffte sie es auf Platz sieben. Sie hat dieses Jahr das Race to the Sky in Montana gewonnen, das sie zum ersten Mal im zarten Alter von 17 Jahren gewann. Ihr Ziel ist es eines Tages das Iditarod zu gewinnen. Jessie weiß, was sie tut und es ist gut möglich, dass sie eines Tages Iditarod Champion wird. Es gibt keinen Musher, dem ich es mehr gönnen würde. In 2005 gewann sie La Grande Odysée, ein Stage-Race in Frankreich über 1000 km. Ich beeilte mich. Sie und ihre Crew waren gerade dabei, die letzten Hunde einzuspannen. Kein guter Moment für Glückwünsche. Sie sah mich und ich wünschte ihr kurz alles Gute. Sie war soweit startklar, aber es stellte sich heraus, dass sie einen Handler zu wenig hatte, um ihr Team zur Startlinie zu bringen. Es waren etwa 800 m vom Parkplatz bis zur Startlinie. Um über diese vergleichsweise weite Distanz die Kontrolle über ihr Team zu behalten, hatte sie hinter jedem Hundepaar außer den Wheel-Dogs, zwei Geschirre als Leinen an der Gang-Line befestigt. Einer der angeforderten ITC-Handler kam nicht und so sprang ich ein. Lisbet würde ja erst in über einer Stunde starten. Ich packte ein Geschirr und los ging es. Wir Handler kamen alle ganz schön ins Schwitzen. 800 m joggen im dicken Winterparka können ganz schön anstrengend sein. Beim Führen der Teams müssen die Handler darauf achten, Abstand zu den Hunden zu halten. Es muss auf jeden Fall vermieden werden, dass jemand einem Hund auf den Fuß tritt und ihn verletzt. Wir zogen also nicht nur nach hinten, sondern eher nach hinten außen. Das Geschirr neben mir hatte Lauras Schwester. Greg führte Jessies Leithunde und auch Maggie war mit von der Partie. Am Ende des Parkplatzes mussten wir eine 90 Grad Kurve nach rechts bewältigen, 100 Meter weiter eine nach links, dann ging es geradeaus bis zur Startlinie. Da wir so viele Handler waren, stellten die Kurven kein Problem dar. Auf dem Trail standen mehrere Helfer, die den Teams bedeuteten zu halten oder weiterzulaufen. Joggen – Stehen – Joggen – Stehen. In diesem Rhythmus arbeiteten wir uns zur Startlinie vor. Der Sprecher kündigte über die Lautsprecher die Musher an und fasste die Biographie des jeweiligen Mushers kurz für das Publikum zusammen. Wir standen an der Startlinie. Jessie mit ihrem Schlitten genau unter dem Banner. Jessie ging vor zu ihren Leithunden und zurück zu ihrem Schlitten. Als Jessie wieder auf dem Schlitten stand, der von vier Helfern gehalten wurde, zählte der Sprecher die letzten Sekunden bis zum Start herunter. Wir lösten die Geschirre und traten zur Seite. Go! Das J-Team brauste an uns vorbei und dem jubelnden Publikum vorbei. Die Handler-Crew eilte zum Ausgang um Platz für das nächste Team zu machen, welches in weniger als zwei Minuten starten würde.

Jessie spannt ihre Hunde an

Jessie spannt ihre Hunde an

Jessies Team ist startklar

Jessies Team ist beinahe startklar

Jessies Handler verwenden Geschirre anstelle von Leinen, um das Team zum Start zu führen

Jessies Handler verwenden Geschirre anstelle von Leinen, um das Team zum Start zu führen

Jessie ist bereit

Jessie ist bereit

Wir machten uns auf den Weg zurück zum Parkplatz. Ein Team nach dem anderen wurde zur Startlinie geführt. Ich schaute noch schnell bei Laura vorbei. Dort traf ich auch auf Cali, eine gemeinsame Freundin. Sie würde nach dem Rennen auch nach Nome kommen! Super! Ich drückte Laura, wünschte ihr alles Gute und beeilte mich zurück zu Lisbet zu kommen. Genau rechtzeitig! Lisbets Schlitten war mittlerweile am Truck festgebunden. Wir luden die Hunde aus und legten ihnen die Geschirre an. Lisbet begann in aller Ruhe ihren Hunden Booties, eine Art Hundeschuhe, anzuziehen. Wir befestigten die Gang Line an Lisbets Schlitten und legten die Leinen aus. Tabitha und Anja kamen vorbei, diesmal hatten wir – zumindest Sarah und ich – mehr Zeit. Wir plauderten kurz miteinander. Als Lisbet fertig war, begannen wir damit das Team anzuspannen.

Laura und

Laura Allaway und Steve Watkins

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Lisbets Hunde warten in ihren Geschirren…

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…darauf, dass Lisbet die Booties anlegt

Kari befestigt Führleinen an der Gang-lind

Kari befestigt Führleinen an der Gang-Line

Lisbet zieht sich an

Lisbet zieht sich an…

und packt ihre Handschuhe ein

…und packt ihre Handschuhe ein

Sarah verabschiedet sich von Blackie Lou

Sarah verabschiedet sich von Blackie Lou

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Goofy versucht wieder Küsse zu verteilen

Lisbet zieht ihrer Leithündin Ruby Boogies an

Lisbet zieht Papas Booties an

Tabitha und Anja besuchen uns kurz vor dem Start

Tabitha und Anja besuchen uns kurz vor dem Start

 

Wir machen noch ein Foto mit Lisbet, Sarah, Kari und mir, bevor wir Richtung Startlinie marschieren

Wir machen noch ein Foto mit Lisbet, Sarah, Kari und mir, bevor wir Richtung Startlinie marschieren – und mit Blackie Lou!

Lisbet wollte hinter jedem Hundepaar einen Handler haben, der das Team an einer langen Führleine zurückhielt. Wir hatten ein paar ITC-Handler, die uns halfen.Sie selbst führte die Leithunde und Kari fuhr den Schlitten. Ich stellte mich in neben Blackie Lou und achtete darauf, dass er in seinem Übermut nicht an den Leinen kaute. Ein ITC-Helfer holte uns ab und wies uns an loszulaufen. Wir gingen schnellen Schrittes, mussten aber nicht joggen. Lisbets Team war weitaus weniger wild als Jessies Team. In den 90 Grad Kurven wechselten wir die Seiten, so dass alle Handler außen liefen und das Team in großem Bogen um die Kurve leiten konnten, danach liefen wir wieder abwechselnd auf jeder Seite. Da wir verhältnismäßig gemütlich in Richtung Startlinie unterwegs waren, mussten wir bis kurz vor der Startlinie kein einziges Mal stoppen und wurden kontinuierlich durch gewunken. Der Sprecher kündigte Lisbet an, wir führten das Team an die Startlinie und lösten die Leinen. Lisbet beorderte mich zu ihren Leithunden, die ich bis zum Start beaufsichtigen sollte. Das bedeutete nur, dass ich mich neben sie stellte. Lisbet drückte mich und ich wünschte ihr alles Gute. Dann arbeitete sie sich nach hinten zu ihrem Schlitten vor. Sie drückte Sarah und verabschiedete sich kurz von ihr. Sie bedankte sich bei ihren Helfern, drückte Kari und stellte sich auf die Kufen ihres Schlittens. Der Sprecher zählte die letzten Sekunden bis zum Start herunter. Dann rauschte sie durch den Chute Richtung Nome. Das Publikum klatschte, johlte und feuerte sie an. Go, Lisbet, go!!! Die Sonne scheint.

Lisbet ist bereit

Lisbet ist bereit – ihre Wheel-Dogs Georgie und Linnea auch

Schließlich zeigt sich doch noch etwas blauer Himmel über dem Startbanner

Schließlich zeigt sich doch noch etwas blauer Himmel über dem Startbanner

Die Route für das Iditarod 2015

Die Route für das Iditarod 2015 (http://iditarod.com/race-map/)

 

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