Dropped-Dog-Station in Unalakleet – Teil 4

Was für ein aufregender Tag. Endlich ist was los hier in Unalakleet! Nach dem Abendessen habe ich noch etwas Zeit, bevor um Mitternacht die Nachtschicht bei den Dropped-Dogs beginnt. Laut Tracker ist Jeff King gerade in Unalakleet angekommen. Jessie Royer und der Norweger Joar Leifseth Ulsom werden auch bald eintreffen. Das darf ich natürlich nicht verpassen! Schnell packe ich meinen Rucksack für die Nachtschicht: Stirnlampe, je ein zusätzliches Paar Socken und Handschuhe, heißen Tee, ein paar Sandwiches und Schokoriegel. Ich verabrede mich mit Misty, mit der ich die Nachtschicht übernehme, um 11.45 Uhr an unserer Unterkunft und mache mich auf den Weg Richtung Checkpoint.

 

Kaum bin ich durch die Tür, bläst mir kalter Wind um die Ohren. Ich stemme mich gegen die Böen und kämpfe mich durch das Schneegestöber die Straße hinunter. Als ich den Checkpoint erreiche, sehe ich schon zwei ankommende Teams auf dem Trail. Eines davon muss Jessie sein! Jessie bekommt den Platz genau vor Aliys Team zugewiesen. Joars Gespann wird neben Jessies Team hinter einem weiteren Schneewall, der den Wind abhalten soll, geparkt. Jessies Hunde sehen gut aus, Jessie selbst sieht sehr müde aus. Nachdem sie eingecheckt hat beginnt sie sofort damit, sich um ihre Hunde zu kümmern. Ich begrüße sie kurz, spreche aber kaum mit ihr, da ich sie nicht ablenken möchte. Wie anstrengend muss es sein, mit so wenig Schlaf so gut zu funktionieren?

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Jessie mach sich daran ihre Hunde zu füttern.

Joar versorgt nebenan sein Team. Unter seinen Zuschauern finden sich auch einige norwegische Fans und Joars Lebensgefährtin Mille. Aliy kommt aus dem warmen Checkpoint in die kalte Nacht und bereitet ihr Team für die Abfahrt vor: Booties anziehen, Schlitten packen – das Übliche. Dann taucht in der Ferne auf dem Trail eine Lampe auf, die sich langsam auf Unalakleet zubewegt. Das nächste Dog-Team! Mitch Seavy erreicht Unalakleet. Neben den Checkern und den Tierärzten erwarten ihn selbst um kurz nach halb elf Uhr nachts noch einige Zuschauer. Für die gibt es allerdings nicht lange was zu sehen. Mitch tut es seinem Sohn Dallas nach: er belädt seinen Schlitten mit den Vorräte aus seinen Drop-Bags, snackt seine Hunde und fährt hinaus in die unwirtliche Nacht. Dabei folgt er zunächst dem falschen Trail, merkt dies nach wenigen hundert Metern, korrigiert seine Richtung und verschwindet Richtung Shaktoolik. In Unalakleet hat er mit zwölf Minuten gut doppelt so lange gebraucht wie Dallas. Dallas gewann das Iditarod 2012 mit knapp 25 Jahren als jüngster Musher, Mitch 2013 mit 53 Jahren als ältester Musher, der jemals das Rennen gewonnen hat. 2014 fuhr Dallas seinen zweiten Iditarod-Sieg ein. 2014 wurde Mitch Dritter, überquerte aber 2004 schon einmal als erster die Ziellinie. Jeder der beiden war also bereits zweimaliger Iditarod-Champion. Das Familien-Duell geht in die nächste Runde.

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Mitch Seavys Gespann in Unalakleet.

Ich schlendere vorbei an Aliys Team wieder hinüber zu Jessies Gespann. Jessie hat noch einige Hunde im Team, die ich aus der Zeit kenne, als ich mit ihr zusammengearbeitet habe: Ranger läuft im Lead und auch die Geschwister Linus und Lucy sind mit dabei. Außerdem sind gleich vier aus Jessies „Schokoladen-Wurf“ dabei. „Schokoladen-Wurf“ deshalb, weil alle Welpen dieses Wurfes nach Süßigkeiten benannt sind. M&M, Twix, Rolo und Reeses laufen seit Jahren in Jessies Iditarod-Team. Ihre Schwester KitKat, die nie viel für die Schlittenhund-Sache übrig hatte, lebt als Familienhund in Kalifornien. Jessie verwendet viel Zeit darauf ihre Hunde zu versorgen. Jeder einzelne genießt die ihm zuteil werdende Zuneigung sichtlich, als sie deren Gelenke einreibt und massiert.

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Ranger und Linus freuen sich über das dicke Heubett.

Joar ist mit seiner Anhängerschaft in den Checkpoint verschwunden. Aliy und ihr Gespann sind mittlerweile bereit für die Weiterfahrt durch die stürmische Nacht. Aliy und Jessie wechseln noch ein paar Worte und scherzen miteinander, bevor Aliy aufbricht. Einer der Checkpoint-Helfer hilft Aliy dabei, Gespann und Schlitten vorbei an Jessies ruhenden Hunden zurück auf den Trail zu leiten. Aliy springt auf ihre Kufen, bedankt sich bei ihrem Helfer und ist bald außer Sicht. Jessies Hunde haben sich von dem vorbeiziehenden Gespann nicht beeindrucken lassen. Sie wollen vom Weiterfahren noch nichts wissen und bleiben entspannt auf ihren Heubetten liegen. Für mich wird es auch Zeit aufzubrechen. Mitternacht rückt näher. Ich verabschiede mich von Jessie und wünsche ihr das Allerbeste. Ginge es nach mir, würde sie dieses Jahr das Iditarod gewinnen.

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Jessie kümmert sich intensiv um ihre Hunde. Chilkat wartet darauf, dass sie an der Reihe ist.

Auf dem Weg zurück zu unserer Turnhalle, schaue ich noch kurz im Checkpoint vorbei.Dort ist es deutlich ruhiger als heute Nachmittag. An einem Tisch sitzt Joar vor den letzten Bissen seines Abendessens, umringt von seiner Anhängerschaft. Jeff King schläft noch in einer der kleinen Kammern. Misty wartet bereits auf mich. Wir nehmen den Truck, der für das Dropped-Dog-Team bereit steht und fahren zu unserer Station am Flughafen. Die Nachmittagsschicht freut sich über die Ablöse. Jane und Mindee haben leider die Ankunft der ersten sieben Musher in Unalakleet verpasst. Wir tauschen noch kurz die wichtigsten Informationen über unsere „Patienten“ aus bevor sie sich auf den Rückweg machen.

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Die Communication-Crew im Checkpoint ist nach wie vor beschäftigt und Sebastian Schnuelle schreibt fleißig an seinem nächsten Artikel für seine Live-Berichterstattung vom Rennen.

Misty und ich besuchen unsere ersten sieben Hunde. Die Ersten für das Dropped-Dog-Team in Unalakleet dieses Jahr. Die meisten von ihnen wurden von den vorhergehenden zwei Checkpoints eingeflogen. Die Hunde schlafen in den windgeschützten Boxen, die dick mit Stroh ausgelegt sind. Acht Stunden nach ihrer letzten Fütterung mixe ich für unsere „Patienten“ eine Nachtmahlzeit. Zum Füttern müssen wir die Hunde aus ihren Boxen holen. Keiner möchte freiwillig seine kuschelige Box verlassen. Mit dem Austeilen der Näpfe steigt die Begeisterung. Die Aufgaben der Nachtschicht bestehen hauptsächlich aus Füttern, Hinterlassenschaften aufsammeln, Schneeverwehungen wegschaufeln, Medikamente verabreichen, und alle zwei Stunden nach den Hunden sehen. Mit sieben Hunden haben wir eine ruhige Nacht vor uns. Misty und ich vertreiben uns die Zeit mit Geschichten erzählen. Gegen Morgen holt uns die Müdigkeit ein, die letzten zwei Stunden kommen uns sehr lange vor. Dann wird es langsam heller und das Dunkel der Nacht weicht einem tristen Morgengrauen. Schichtwechsel.

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In unserem Container ist es wenigstens warm.

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Ein Hund erholt sich in einer der Boxen bei uns im warmen Container.

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Leno, ein besonders verschmuster Gast, erobert sofort Mistys Herz. Er trägt eines der T-Shirts, das Abreibungen durch das Geschirr vorbeugt unter seinem Mantel gegen die Kälte.

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Ein Hund ist aus Jessies Team. Sein Name ist Brooks. Ich kenne ihn nicht, aber er sieht den vier Hunden aus dem „Schokoladen-Wurf“ sehr ähnlich.

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