Nordlichter in Unalakleet tanzen über den Ersatzschlitten der Iditarod-Musher

Dropped-Dog-Station in Unalakleet – Teil 5

Montag, 16. März 2015. Um kurz vor 8:30 Uhr kommen Misty und ich müde von unserer Nachtschicht in unserem Schlafquartier an. Da alle Helfer in Unalakleet in verschiedenen Schichten arbeiten, ist es in der Turnhalle von nun an rund um die Uhr dunkel. Auf Zehenspitzen schleichen wir uns mit unseren Stirnlampen zu unseren Schlafsäcken, machen es uns gemütlich und schlafen sofort ein.

 

Der Nachmittag ist schon weit fortgeschritten als ich aufwache. Im Speisesaal sitzen Alison, Brenda und Patty an einem der Tische. Ich geselle mich zu ihnen und lausche ihren Berichten von einem aufregenden Arbeitstag und vom regen Treiben im Checkpoint. Die ersten 21 Musher haben Unalakleet bereits hinter sich gelassen. Dallas Seavy würde in Kürze in Koyuk eintreffen. Er hatte gestern Nacht bereits Shaktoolik, den Checkpoint nach Unalakleet, verlassen. Ein paar Musher sind noch im Checkpoint in Unalakleet, andere würden bald dort eintreffen. Sollte ich runter zum Checkpoint gehen? Alle anwesenden Musher schienen zu schlafen. Nach kurzem Abwägen entschließe ich mich zu einem Spaziergang durch Unalakleet. Draußen ist sehr windig und kalt. Vom Wind aufgewirbelte Schneeflocken tanzen wild druch die Luft. Freude macht es bei diesem Wetter nicht da draußen herumzulaufen und so mache ich mich bald wieder auf den Nachhauseweg.

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Gemeinsames Abendessen im Speisesaal. Am vorderen Tisch sitzt die Dropped-Dog-Crew.

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Alison mit Hunden auf dem Weg vom Checkpoint zur Dropped-Dog-Station. 

Kurz vor Mitternacht fahren Misty und ich raus zu unserer Dropped-Dog-Station am Flughafen. Sie ist mittlerweile besser „besucht“: Im Laufe des Tages sind einige neue Hunde hinzugekommen. Jane und Mindee warnen uns vor einem Hund, der versucht hat Alison zu schnappen – seine Box ist mit einem Schildchen auf dem „bite“ steht, markiert. Dann steigen sie in den Truck und fahren zurück zur Turnhalle. Misty und ich sehen nach unseren „Patienten“. In dem Gang zwischen Hundeboxen und Zaun, haben sich mannshohe Schneeverwehungen aufgetürmt. Schnee schaufeln ist angesagt. Nachdem wir die Hunde aus den Boxen geholt haben und sie erwartungsvoll auf den Futtereimer schauen, stellen wir fest, dass wir den „Bite“-Hund nicht gefunden haben. Erst als wir die Hunde nach dem Füttern wieder in die Boxen laden, finden wir das Schild unter einer dünnen Schneeschicht an einer der Türen. Der Hund hat sich unauffällig verhalten und das sollte auch für seine restliche Zeit in Unalakleet so bleiben. Nach der Fütterung gehen wir wieder in unseren Container. Der starke Wind flaut allmählich ab.

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Auch das Team von DeeDee Jonrowe wird vom Schnee eingeweht.

Am anderen Ende der Straße tauchen zwei Scheinwerfer auf. Es ist noch nicht mal drei Uhr morgens. Viel zu früh für die Mitarbeiter des Flughafens. Der Truck hält vor unserer Dropped-Dog-Station und Stu, der leitende Tierarzt des Rennens steigt aus. Er bringt uns einen Hund. Ungewöhnlich! Normalerweise übernachten Hunde, die nachts am Checkpoint abgegeben werden dort und kommen erst am nächsten Morgen in die Dropped-Dog-Station. Dann erfahren wir die Geschichte dahinter: Loki ist ein Hund aus dem Team von Katherine Keith, also aus dem Kennel von John Baker, dem Iditarod-Champion von 2011. Katherine Keith rastete mit ihrem Team in Old Woman Cabin, einer Schutzhütte etwa 50 Kilometer vor Unalakleet, als Loki plötzlich anfing aus Nase und Maul zu bluten. Katherine machte sich große Sorgen um Loki und entschied den Notrufknopf an ihrem GPS-Tracker zu betätigen. Sie wusste, dass sie damit aus dem Rennen ausgeschieden war. Lance Mackey, viermaliger Iditarod-Champion, der das ausgeruhteste Schlittenhundeteam von allen Mushern in Old Woman Cabin hatte, lud Loki in seinen Schlitten. Um Zeit zu sparen, fuhr er dem Rettungsteam, das nach Auslösen des Notrufes mit Motorschlitten aus Unalakleet aufgebrochen war, entgegen. So wurde Loki schnellstmöglich zu den Tierärzten im Checkpoint Unalakleet gebracht. Die Tierärtze konnten nicht feststellen, was der Auslöser für die Blutungen aus Lokis Nase und Maul waren, die mittlerweile wieder abgeklungen waren. Der Allgemeinzustand von Loki war nicht bedrohlich. Stu, der gerade im Checkpoint war, entschied, dass der Hund die Nacht bei uns unter Aufsicht verbringen sollte. Da ist sie nun, mitten in der Nacht. Willkommen Loki! Wir richten eine Box für sie her und füttern ihr ein paar leichte Snacks, die sie gierig verschlingt. Dann folgt sie uns willig zu ihrer Box und lässt sich in ihr dickes Heubett plumpsen. Was die Blutungen ausgelöst hat, bleibt ungeklärt, aber Loki geht es wieder gut. Auch in den folgenden Tagen sollte von den Blutungen nichts mehr zu sehen sein.

 

Als wir die Hunde nach einiger Zeit wieder ausladen, damit sie sich lösen können, sind die Schneeverwehungen überschaubar. Plötzlich deutet Misty gen Himmel. Eine riesige Kuppel aus weißen Nordlichtern tanzt genau über unseren Köpfen! Nachdem die Hunde wieder in ihren Boxen verstaut sind, legen wir uns mitten auf der Zufahrtsstraße zum Flughafen auf den Rücken und bewundern die Aurora Borrealis über uns. Sobald die weiße Kuppel verblasst, beginnen grüne Streifen am Horizont zu tanzen, dann wird die weiße Kuppel wieder stärker und die Streifen schwächer. So geht es stundenlang. Misty und ich gehen ab und an kurz in den Container um uns aufzuwärmen oder sehen nach den Hunden. Aber es zieht uns immer wieder hinaus zu unserem „Liegeplatz“. Weder Misty, die jahrelang in Fairbanks gelebt hat, noch ich, die ich zwei Winter in Alaska verbracht hab, haben jemals zuvor solch ein beeindruckendes Lichtspektakel gesehen. Wir können unser Glück kaum fassen und kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Welch ein Highlight – im wahrsten Sinne des Wortes!

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Die Nordlichter veranstalten ein atemberaubendes Spektak

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Die Nordlichter tanzen mal stärker, mal schwächer über den Himmel.

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Nordlichter über dem Checkpoint in Unalakleet.

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Nordlichter wirbeln über den Nachthimmel.

Vielen Dank an Kimberly Hennemann, die mir für diesen Beitrag ihre Fotos zur Verfügung gestellt hat.

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