Ab wann fange ich mit dem Zughundetraining an?

Ab wann fange ich mit dem Zughundetraining an? Schadet Zughundetraining unter einem Jahr dem Hund? 
 
Ich habe mich kürzlich über genau dieses Thema mit Prof. Dr. Martin S. Fischer von der Uni Jena unterhalten, Verfasser des Buches „Hunde in Bewegung“. Er hat mich in meiner Meinung, dass es kontraproduktiv ist, „seine Hunde in Watte zu packen“, bestätigt. An der Diskussion waren sowohl eine Tierärztin als auch mehrere PhysiotherapeutInnen und HundetrainerInnen beteiligt.
 
Quintessenz aus meinen eigenen langjährigen Erfahrungen als dog handler in Alaska und Yukon in den Renn-Kennels von Lisbet Norris, DeeDee Jonrowe, Jessie Royer und Sebastian Schnuelle, als dog handler an den Dog Drops im Iditarod und als Kleinteamfahrerin (1-2 Hunde vor Fahrrad/Roller, Schlitten/Kickspark/Skier) und den Erkenntnissen aus der Diskussion mit Prof. Fischer & Co.:
 

Mit einem 8 Monate alten Hund kann man langsam und klein schrittig durchaus anfangen Zughundetraining aufzubauen. Nicht volle Kanone los preschen, Pausen machen, Distanzen (1 /1,5 km, 2 km, …) langsam steigern. Für das Training von Junghunden, die alleine angespannt werden, finde ich das Fahrrad besser geeignet, als den Roller.

 

Es gibt Dinge um die man sich mehr Gedanken machen sollte, als darüber ob ein gesunder acht Monate alter Hund einen Kilometer in der Ebene vor dem Fahrrad eingespannt laufen kann:
  • die Leine muss auf Zug sein – IMMER UND AUSSCHLIESSLICH – alles andere ist ein Fahrerfehler, wenn es bergab geht, muss man halt dementsprechend bremsen – heißt ja auch Zughundesport und nicht „Vorauslaufesport“
  • aufhören, BEVOR die Leine durchhängt! Wenn die Motivation so sinkt, dass die Leine durchhängt, ist man zu lange gefahren / hat falsch trainiert
  • zum an das Ziehen gewöhnen einzelner Hunde, ins Besondere, wenn sie nicht genau wissen, was man von ihnen will, eignet sich erfahrungsgemäß am Besten das gute alte Reifentraining, am Ziel kann man, wenn man mag Fleischsuppe als Belohnung etablieren
  • wenn man nicht das Iditarod fahren möchte oder die IFSS European Championship Sprint, füttert man die Hunde ganz normal weiter. Ein durchschnittlicher Hund (also etwa alles zwischen Jack Russell und Hovawart) ist von Natur aus darauf ausgelegt, dass er gut 20-30 km läuft. Im Trab (der natürlichen Gangart des Hundes) oder Galopp, nicht im Schritt.
  • Zuggeschirr heißt Ziehen – Zuggeschirr mit Leine dran ohne Ziehen gibt es in der Welt eines Zughundes nicht! (Es gibt durchaus hochmotivierte Hunde, die zwischen einem Zuggeschirr und einem Führgeschirr unterscheiden – ich persönlich bevorzuge die Unterscheidung Zuggeschirr = immer Ziehen, Halsband = nie ziehen.)
  • ein gewisser Grundgehorsam und das Beherrschen der Grundkommandos sind Pflicht. Ein Hund im Arbeitsmodus sollte sich durch nichts beeindrucken lassen – nichts = entgegenkommende Teams, überholende Fahrradfahrer, Spaziergänger, spielende Kinder, andere Hunde, Wild, Traktoren, Bachdurchquerungen, etc. Der Sport soll ja allen Spass machen, auch denen, denen wir unterwegs begegnen. Mit dem Training hierfür kann übrigens schon mit 8 Wochen begonnen werden.
Prof. Fischer hat sich sehr klar positioniert: Arthrose kommt nicht von Bewegung, sondern von „Nicht-Bewegung“. Am häufigsten sind Blindenführhunde und Assistenzhunde von Arthrose betroffen, was auf „berufsbedingten“ Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Abwechslung in der Bewegung ist am Gesündesten für den Bewegungsapparat.
 
Der älteste Hund, den ich persönlich kenne und mittrainiert habe (ist also keine um Drei-Ecken-Sache), hat beim Iditarod (ca. 1800 km) mit stolzen 13 Jahren bei bester Gesundheit in 11 Tagen mit seinem Team den 6. Platz belegt. Er wurde als Schlittenhund geboren, mit unter einem Jahr antrainiert, lief bis zu seiner Rente sehr erfolgreich Langstrecken Rennen (Yukon Quest Gewinner 2009).
Skijöring mit Raven und Gustav

Skijöring-Tour mit Raven und Gustav

Ein Appell an Neulinge im Sport: Informiert euch bei Leuten, die den Sport nicht erst seit gestern machen, also nicht bei den Möchtegern-Mushern, sondern bei den über Jahre hinweg Erfolgreichen, bei Bikejörern, Canicrossern, Dogscooterern, deren Hunde sich ins Geschirr schmeißen! Seid keine Helicopterherrchen/-frauchen, sondern traut euren Hunden was zu! Eure Hunde teilen euch mit, wenn etwas nicht passt!

 

7 comments for “Ab wann fange ich mit dem Zughundetraining an?

  1. 16. August 2016 at 22:32

    Danke, mein reden!

  2. Frauke Ulbricht
    21. August 2016 at 12:01

    Gibt es eine Liste ect. wo ich einen Trainer in meiner Nähe finden kann?lg frauke

    • Franziska Habicht
      23. August 2016 at 7:42

      Eine Liste gibt es nicht. Wo kommst du denn her? Je nachdem wo du herkommst, gibt es vielleicht einen guten Verein, dem du dich anschließen könntest.

  3. Alu
    20. September 2016 at 15:15

    Mich würde auch interessieren ob es vielleicht einen Verein oder einen Erfahrenen Trainer in meiner Nähe (Nähe Baden-Baden/ Rastatt) gibt. Da ich kein Auto hab bin ich von der Entfernung her ziemlich eingeschränkt.

  4. Karl-Heinz Ryrko
    17. August 2017 at 16:57

    mein Balu, ein dreijähriger Bouvier des Flandres, 45 kg,. Ist der geeinigt zum Ziehen einen rades oder Schlitten. Ich 87 kg .?

    • Franziska Habicht
      19. August 2017 at 6:58

      Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Es kommt individuell auf den Hund, ob er Freude an der Sache findet. Probier es aus!

  5. Andrea
    18. August 2017 at 16:19

    Seit ich mit dem Sport angefangen habe, und wir stehen noch komplett am Anfang, bin ich nicht mehr so ein Helikopter-Frauchen. Es hat sich tatsächlich stark gebessert….lach……

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