Dallas Seavey in Nome beim Iditarod 2017

Mysteriöser Doping-Fall nach Iditarod 2017

Während des Iditarod 2017 wurden vier Schlittenhunde positiv auf eine laut Rennregeln verbotene Substanz getestet. Das Iditarod Trail Committee (ITC) hüllte sich zunächst in Schweigen, gab jedoch alsbald dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit nach und machte  detailliertere Angaben zu dem Doping-Fall. So äußerte sich das ITC zunächst zu der in den Proben gefundene Substanz und der Anzahl der positiv getesteten Hunde und nannte schließlich den Namen des Mushers, aus dessen Team die Hunde stammten: Dallas Seavey. Aber: Der Fall ist noch nicht gelöst!

Wie wurde der Doping-Fall bekannt?

Das ITC beschloss die Rennregel #39, den „Anti-Doping-Paragrahen“, zu ändern. Die Änderungen wurden in der Lokalpresse bekanntgegeben und mit dem Fund positiver Urinproben bei einigen Schlittenhunden im letzten Rennen begründet. Bislang galt, dass im Fall eines positiven Doping-Tests seitens des ITC nachgewiesen werden musste, dass der betroffene Musher die verbotene Substanz seinen Hunden absichtlich verabreicht hatte. Ab sofort muss der Musher in einem solchen Fall nachweisen, dass er seinen Hunden die Substanz nicht gegeben hat. Die Änderung des Reglements wurde in Alaska heiß diskutiert. Befürworter hoffen auf mehr Transparenz, Gegner fürchten, dass gezielte Sabotage begünstigt werden könnte.

Im Gegensatz zu anderen Sportarten, in denen ein Sportler einzig und allein selbst dafür verantwortlich ist, welche Medikamente und Substanzen er zu sich nimmt, hat ein Musher während des Iditarod nicht die volle Kontrolle darüber, was seinen Hunden verabreicht wird. Dies liegt in der Natur dieses Rennens, das durch zahlreiche kleine Dörfer mitten in Alaskas Wildnis führt. Nachdem ein Musher in einem Checkpoint angekommen ist und sein Team versorgt hat, muss er sich um sich selbst kümmern. Er geht in den Checkpoint, wo er sich aufwärmen, essen und schlafen kann. In den meisten Checkpoints wird er so kurz wie möglich und so lange wie nötig sein – meistens mehrere Stunden. In einem Checkpoint wird er sogar mindestens vierundzwanzig Stunden verweilen, in zwei Checkpoints acht Stunden – das sind die Pflichtpausen des Rennens. In dieser Zeit parken die Schlittenhundegespanne vor dem Checkpoint, wobei sich die Hunde auf Stroh gebettet ausruhen. Die zugewiesenen „Parkplätze“ sind nicht bewacht. Jeder, der sich zu diesem Zeitpunkt im Checkpoint aufhält, hat freien Zugang zu den Hunden – seien es die Dorfbewohner, eingeflogene Schaulustige, andere Musher oder all die freiwilligen Helfer, die das Rennen in dieser Form überhaupt erst ermöglichen. Weiterhin sind die food drops – die Futterrationen, die der Musher schon Wochen vor dem Rennen abgeben muss, damit sie in die Checkpoints ausgeflogen werden – Tag und Nacht frei zugänglich. Die Säcke stehen nach Musher sortiert vor dem Checkpoint im Schnee – auf jedem einzelnen prangt der Name des jeweiligen Mushers.

Vor diesem Hintergrund ist es bislang äußerst schwierig, einen Doping-Fall nachzuweisen. Wie kann das ITC in einem konkreten Verdachtsfall beweisen, dass ein Musher selbst seinen Hunden eine Substanz, die auf der Doping-Liste steht, verabreicht hat? Wie soll ein Musher beweisen, dass er seinen Hunden die Substanz nicht verabreicht hat?

Food Drops Bags in Unalakleet beim Iditarod 2015

Unbeaufsichtigte Food Drops Bags in Unalakleet beim Iditarod 2015

Rastende Gespanne in Unalakleet. Die Hunde machen es sich auf frischen Strohbetten gemütlich während sich die Musher im Checkpoint erholen. Iditarod 2015

Rastende Gespanne in Unalakleet. Die Hunde machen es sich auf frischen Strohbetten gemütlich während sich die Musher im Checkpoint erholen.

 

Dallas Seavey beteuert seine Unschuld

Nachdem das ITC den vierfachen Iditarod Champion Dallas Seavey als den betroffenen Musher benannt hat, äußert sich dieser in einem knapp achtzehn Minuten langen youtube-Video zu dem positiven Doping-Test bei seinen Hunden.

Anfang April, als Dallas mit seiner Tochter eine mehrtägigen Schlittenhunde-Tour unternahm, erfuhr er in einem Anruf des ITC, dass vier seiner Hunde in Nome positiv auf eine nach den Rennregeln verbotene Substanz getestet wurden. Bei der Substanz handelt es sich um das Schmerzmittel Tramadol. Dallas beteuert mehrfach Tramadol nicht verwendet zu haben: „I have spent the last 10 years becoming the best musher I possibly can. I’ve done nothing wrong.“ Weiterhin zeigt er verschiedene Möglichkeiten auf, wie die Substanz in den Urin seiner Hunde hätte kommen können. Dabei beschuldigt er niemand explizit, stellt aber heraus, dass sowohl Personen innerhalb des ITC, die ihm nicht wohlgesonnen sind, als auch seine Konkurrenten und unzählige ihm völlig fremde Personen im Dog Lot in Nome freien Zugang zu seinen Schlittenhunden und Gelegenheit hatten, diesen innerhalb der sechs Stunden, vom Überqueren der Ziellinie bis zur Entnahme der Urinproben durch die Tierärzte, Tramadol zu verabreichen. Da der Dog Lot in Nome weder durch Sicherheitskräfte noch durch eine Webcam überwacht wird, sind all diese Möglichkeiten durchaus denkbar.

Zudem stellt sich der Vorteil von der Gabe eines Schmerzmittels wie Tramadol, zu dessen Nebenwirkungen Appetitlosigkeit, Durchfall, Erbrechen und Schläfrigkeit zählen, als fraglich dar. Diese möglichen Nebenwirkungen sind sicherlich nicht das, was sich ein Musher für sein Team auf den letzten Meilen vor der Ziellinie wünscht.

Abgesehen davon weiß jeder Iditarod-Musher, dass die ersten zwanzig Teams, die Nome erreichen, dort einem Doping-Test unterzogen werden. Warum sollte also ein erfolgreicher Musher wie Dallas Seavey, der bereits viermal bewiesen hat, dass er das Rennen gewinnen kann und bei seinen elf bisherigen Teilnahmen am Iditarod, davon neunmal in den Top 10,  nie auffällig getestet wurde, seinen Hunden ein Schmerzmittel verabreichen, von dem er eindeutig weiß, dass es unter Doping fällt? Was hätte er davon außer Negativschlagzeilen und den Verlust von Sponsoren?

Eines ist sowohl für die Freunde und Fans von Dallas, als auch für viele Iditarod-Musher, wie Lance Mackey, Aily Zirkle, Jessie Royer oder Lisbet Norris, um nur einige zu nennen, klar: Dallas ist ein ehrlicher Mensch, dem sie eine solche Dummheit keinesfalls zutrauen. Dallas Seavey hat seine Meldung für das Iditarod 2018 zurückgezogen. Andere Musher beabsichtigen den Yukon Quest dem Iditarod vorzuziehen und das Iditarod zu boykottieren. Die Mushing Community in Alaska ist erschüttert.

Statement von Lance Mackey zum Doping-Fall

Statement von Lance Mackey zum Doping-Fall

Der Doping-Fall ist längst nicht aufgeklärt und die Frage, wer etwas davon hat, Dallas Hunde Tramadol zu verabreichen, bleibt bislang offen.